Nach dem Applaus…

Diplomierte Gesundheits- und Krankenpfleger/in, Intensivpflege

Liebe PolitikerInnen, liebe LeserInnen. Ich bin als diplomierte Pflegeperson mit Sonderausbildung im Bereich Intensivpflege auf einer Covic-19 Intensivstation in einem großen Wiener Krankenhaus tätig.

Natürlich ist es nett als systemrelevant bezeichnet oder SystemerhalterIn genannt zu werden. Ja, auch der Applaus war anfangs aufmunternd, jedoch war abzusehen, dass die Anerkennung und Wertschätzung nur von kurzer Dauer sein würde. Was bleibt ist ein fahler Nachgeschmack. Kurz gefasst: „Die ach so wichtigen SystemerhalterInnen machen ihre Arbeit – Anerkennung und Sonderzahlungen kassieren die Anderen.“

Ja, ich bin gerne Krankenschwester. Umstände wie, schwitzend stundenlang im Zimmer zu stehen, weil IntensivpatientInnen instabil sind, gehören zu meinen Tätigkeitsbereichen schlicht und einfach dazu. Ja, auch Schutzausrüstung zu tragen, zum Schutz der PatientInnen, vor allem im Jahr 2020 zum Schutz des Personals ist selbstverständlich. Es ist jedoch eine andere Belastung für den Körper und die Psyche, eine Covid-19 Schutzausrüstung zu tragen. Dabei über Stunden höchstkonzentriert zu bleiben, stellt das gesamte Team vor eine enorme Herausforderung. Schließlich geht es um das Leben der PatientInnen oder bei der kleinsten Unkonzentriertheit um den Tod der PatientInnen.

Lohnangleichung für alle MitarbeiterInnen in der Pflege

Da kaum jemand weiß, welche physische und psychische Belastung dies darstellt, wird es als selbstverständlich abgetan. Doch das ist es nicht…. Ich arbeite also mit einer Sonderausbildung auf der Intensivstation, obwohl ich deutlich geringer entlohnt werde als unerfahrene MitarbeiterInnen ohne diese Sonderausbildung. Ja, ich finde es gut, dass unser Berufsstand finanziell aufgewertet wird, jedoch sollte das vor allem auch langjährig erfahrenen, gut ausgebildeten MitarbeiterInnen zukommen.

Wir Pflegepersonen lassen sich innerhalb unserer Berufsgruppe vieles gefallen…Dinge, die bei anderen Berufsgruppen nicht annährend zu denken wären. Denn in welcher Branche würden es sich andere MitarbeiterInnen gefallen lassen, deutlich weniger Gehalt zu bekommen als jüngere MitarbeiterInnen ohne Berufserfahrung beziehungsweise ohne Sonderausbildung!?

Belastungen während der Corona-Krise

Was macht es aber mit einem, während der Krise flexibler denn je sein zu müssen!? Angst zu haben, nicht so flexibel zu sein wie erwartet, KollegInnen im Stich zu lassen und somit mitverantwortlich zu sein, wenn Menschen sterben oder nicht menschenwürdig behandelt oder gepflegt werden. Angst zu haben, der Virusträger innerhalb der eigenen Familie zu werden. Angst zu haben, seine eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Angst zu haben, sich den eigenen Ängsten vor dem Virus stellen zu müssen. Der Spruch: „BLEIBT FÜR UNS ZUHAUSE – WIR BLEIBEN FÜR EUCH HIER!“ ist in dem Bezug sehr treffend, denn auch Pflegepersonen haben ANGST und trotzdem wird erwartet, dass sie mehr Leistung denn je erbringen!

Was macht es mit einem, zu lesen und zu hören, dass in manchen Berufsgruppen schon Prämien ausbezahlt wurden/werden oder, wenn andere jammern wie langweilig ihnen zuhause ist und/oder war!? Was macht die Tatsache mit einem, immer zu grübeln, ob im nächsten Dienst ausreichend Schutzausrüstung, medizinisches Material und/ oder kompetente, professionelle Pflegepersonen und ÄrztInnen vorhanden sind!? Was macht es mit einem, so kurz vor dem Herbst/Winter wieder flexibler denn je sein zu müssen!? Die Covid-19 Aufnahmen werden mehr, man wird wieder personell und materiell, psychisch und physisch vor enormen Herausforderungen gestellt.

Währenddessen werden an Arbeitslose, auch an nicht durch Corona verschuldete Arbeitslose, Zahlungen getätigt. Sehr viele Berufsgruppen, die sehr wenig bis gar nichts mit an Covid-19 Erkrankten zu tun hatten, erhielten bereits Prämien. „Weil die Zeit für sie so schwierig und unangenehm war.“ Zu unserem großen Erstaunen wurden auch innerhalb unserer Berufsgruppe, bei ANDEREN Arbeitgebern, fleißig Sonderzahlungen veranlasst. Trotz all diesen Umständen steht man schwitzend und kurzatmig aufgrund der FFP2-3 oder Atemschutzmasken im Zimmer und versucht höchstkonzentriert sein Bestes zu geben.

~ Obwohl weder das für Herbst versprochene neue Besoldungsschema für vor 2018 eingetretene MitarbeiterInnen in Kraft getreten ist, noch in keinster Weise Anerkennung vom eigenen Haus gezeigt wurde, machen wir ohne Streiks oder sonstigem Aufruhr weiter wie bisher. „Man kann die kranken Menschen ja nicht im Stich lassen, und schon gar nicht während solch einer Krise.“ ~

Pflege ist mehr!

Wie fühlt man sich dabei!? Gefühle wie Wut, Zorn und Traurigkeit machen sich seit Monaten breit. Wir fühlen uns gänzlich unverstanden und allein gelassen. Das Jahr 2020 hat die Selbstverständlichkeit mit der unser Berufsstand wahrgenommen wird, nämlich selbstlos und überspitzt geschrieben aufopfernd da zu sein, deutlich gemacht. Ja, ich habe mir diesen Beruf ausgesucht und mir war von Anfang an bewusst, dass große Herausforderungen auf mich zukommen werden. Ich arbeite weiterhin gerne in diesem Beruf, weil es mir nach wie vor viel Freude bereitet für kranke Menschen „da zu sein“. Mit diesem Brief soll auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass sich eine überforderte Pflegeperson den Frust von der Seele schreiben will und irgendwelche Lobeshymnen erwartet. Nein, es soll lediglich verständlich für Jedermann beschrieben werden wie sich unser Berufsstand während einer solchen Pandemie fühlt.

Ich hoffe für meine KollegInnen, aber vor allem für die PatientInnen und deren Angehörigen, dass sich die oben beschriebenen Gefühle nicht in Krankenständen und/oder Unprofessionalität äußern. Vor allem aber, dass die Menschen innerhalb meiner Berufsgruppe, ganz besonders KollegInnen mit langjähriger Erfahrung, die ihnen zustehende Anerkennung erhalten. In diesem Sinne: viel Mut, viel Motivation und Durchhaltevermögen beim Menschenleben retten, wertgeschätzte KollegInnen. Die Herausforderungen und die an Covid-19 erkrankten, intensivpflichtigen PatientInnen werden weiterhin kommen, die angemessene Entlohnung dafür nicht!

Mit freundlichen Grüßen

eine Intensivpflegerin

Aktualisierung

Die Covid19 Prämie wurde an ausgewählte Pflegepersonen ausgezahlt. Die Transparenz dazu, welche Pflegepersonen dies genau umfasst, ist nicht ersichtlich.

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